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Grünbuch des Deutschen Musikrats

Stellungnahme der LAG Folk SH zum Grünbuch (von Jens-Peter Müller)

Grünbuch des DMR
Was ist uns die Musik wert?

Öffentliche Förderung der Diskussion
Text über Google "musikrat grünbuch"
Stellungnahme der LAG Folk SH zum Grünbuch

Weitere Stellungnahmen befinden sich auf der HP des DMR:
www.musikrat.de/musikpolitik/gruenbuch.html

Stellungnahme von Jens-Peter Müller, LAG Folk Schleswig-Holstein

 

An den Deutschen Musikrat

Generalsekretariat e.V.

Schumannstr.17

10117 Berlin

 

 

 

Betr.: „Was ist uns (welche) Musik wert“

 

                                                                                           Flensburg, 27. Mai 2014

Sehr geehrter Herr Prof. Höppner,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

vor zwei Wochen fand im Rahmen der Mitgliederversammlung des Landesmusikrates Schleswig-Holstein eine lebhafte Diskussion zum Fragenkatalog des „Grünbuches“ statt. Ich habe in der Folge die Vorstandsmitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft Folk darüber informiert. Der Vorstand der LAG Folk möchte hiermit nun noch eine eigene Stellungnahme zum „Grünbuch“ und zum Fragenkatalog abgeben.

 

Wir sind neben dem Bundesverband Profolk e.V. die größte Organisation in Deutschland, die sich mit Folk- und Volksmusik beschäftigt. Vor 23 Jahren gegründet haben wir aktuell 230 Mitglieder (Musikgruppen, Veranstalter, Institutionen, Einzelmitglieder) und vertreten damit eine Musikkultur, deren kulturelle und musikalischen Werte momentan eine wachsende Zahl von Musikerinnen und Musiker -auch aus anderen Musikbereichen- für sich entdeckt und die immer mehr (auch junge) Menschen begeistert, sofern sie denn Gelegenheit haben, mit diesem Genre in Berührung zu kommen. Denn in den Medien, vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird diese Musikkultur nicht angemessen vertreten, und ist im öffentlichen Bewusstsein und bei den Entscheidungsträgern kaum präsent.

 

Entsprechend begrüßen wir die „öffentliche Debatte zur Bedeutung der musikalischen Vielfalt“ (Grünbuch S. 8), die der Musikrat anstoßen will. Erfreulich finden wir auch die Erkenntnis: „jahrhundertelang gewachsene Traditionen, neue kreative Ausprägungen und Strömungen sowie der Austausch und die Durchdringung mit Kulturen anderer Länder sind ein Schatz, der in seiner Bedeutung für die Gesellschaft von Politikern und Entscheidungsträgern noch zu oft verkannt wird.“ (S. 8)

Dieser Satz könnte original aus unseren Vereinszielen abgeschrieben sein!

Wir sind gespannt darauf zu erfahren, wie sich der Deutsche Musikrat in Bezug auf die volksmusikalischen Schätze des kulturellen Erbes positionieren und welche Maßnahmen er vor allem im Medien- und im Bildungsbereich vorantreiben wird, bzw. es  interessiert uns, was in dieser Hinsicht schon unternommen worden ist.

Die Frage 38 des „Grünbuches“ zeigt eine mögliche Richtung auf, indem der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinem umfassenden Bildungsauftrag endlich wieder nachkommt und Angebote des gesamten„kulturellen Erbes“ im Programm hat.

Ist dem Deutschen Musikrat bekannt, dass das Angebot für Folk- und Volksmusik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer mehr ausgedünnt wird? Aktuell ist die langjährige Sendung „Musik der Welt“ auf HR 2 zum 1. Januar 2014 ersatzlos eingestellt worden. Damit gibt es im Hessischen Rundfunk, wie auch schon bei Radio Bremen/Nordwestradio und, soweit uns bekannt, auch im SWR kein explizites Angebot mehr.

 

Wir müssen insgesamt feststellen, dass die Diskussion über Musik und Musikkultur in unserem Lande bisher eigentlich nur die klassische Musik und Popmusik umfasst und in Teilen noch Jazz. Während man sich der Bedeutung des interkulturellen oder multikulturellen Austausches in Form von „Weltmusik“ in Deutschland langsam bewusst wird, kommen die lokalen, regionalen, nationalen, sprich „unsere“ tradierten  Musikformen, wie Folkmusik oder „richtige“ Volksmusik -im Gegensatz zur „volkstümlichen“ Musik- praktisch nicht vor. Das hat natürlich auch historische Gründe, die aber unserer Meinung nicht mehr zeitgemäß sind. Im Gegenteil: eine Beschäftigung und kreative Auseinandersetzung mit dem eigenen kulturellen Erbe ist in Zeiten der fortschreitenden Globalisierung von wachsender Bedeutung und ist das beste Mittel um rechtspopulistischen oder sogar radikalen Tendenzen entgegenzuwirken. Zeigt die Geschichte der Volksmusik doch, dass ein belebender Austausch über nationale Grenzen hinaus immer stattgefunden hat. Der schwedische Jazzposaunist Nils Landgren sagte 2005 anlässlich des ersten deutsch-dänischen Festivals folkBALTICA den bemerkenswerten Satz: Ohne Volksmusik würden wir gar keine  Musik spielen. Die Bedeutung ist nicht zu überschätzen. Aus diesem tiefen Erbe holen wir unsere musikalischen und menschlichen Impressionen.“

 

Sicherlich haben Sie auch schon davon erfahren, dass man in den nordeuropäischen und baltischen Ländern (aber nicht nur dort!) seit vielen Jahren Folk- und Volksmusik auf Hochschulebene studieren kann. Die Bereicherung des gesamten Musiklebens in diesen Ländern ist enorm. An den deutschen Musikhochschulen fehlt diese Möglichkeit vollkommen.  

 

Wir möchten betonen, dass wir die bestehende Situation nicht aus Sicht von „Liebhabern“ einer bestimmten Musikrichtung beklagen, sondern möchten darauf aufmerksam machen, welche kulturellen Werte bedroht sind, und welche damit verbundenen Möglichkeiten zur Bereicherung des Musiklebens auch in Deutschland (bisher) nicht ergriffen werden.

Wir haben als LAG Folk in Schleswig-Holstein über unsere langjährige Arbeit im Nachwuchsbereich und den guten Kontakt zu den nordischen Ländern mit bescheidenen Mitteln einiges aufgebaut und künstlerische sowie musikpädagogische Erfahrungen gesammelt, die wir gerne in die weitere Diskussion mit einbringen können.

 

Die Nr. 21 aus dem Fragenkatalog scheint uns eine der zentralen Fragen zu sein.

Folkmusik ergänzt die Breite des musikalischen Angebotes durch eine andere musikalische Haltung als es Klassik oder Jazz ermöglichen bzw. auch erfordern. Wir wollen sie als „locker“ (ohne Noten, Jugendliche, die Jugendlichen zuschauen empfinden es als „cool“) und als besonders kommunikativ bezeichnen. Sie bietet die Möglichkeit eines beeindruckenden Musizierens auf niederschwelligem Niveau, genauso wie die musikalische Meisterschaft.

In den für die Folkmusik spezifischen Sessions musizieren Anfänger zusammen mit hochqualifizierten Virtuosen, und das grenzüberschreitend, völkerverbindend. 

Jugendliche, die Folkmusik spielen, zeigen eine besondere Spiel- und Lebensfreude, und sind damit ein überzeugender Beweis für die Bedeutung von Musik für eine ganzheitliche identitätsstiftenden Entwicklung. Diese Erfahrung konnten wir gerade im Hinblick auf politische Entscheidungsträger machen. In den letzten Jahren sind mehrfach Ensembles mit Jugendlichen bzw. generationsgemischten Besetzungen aus den Ostseeanrainerstaaten zu großen, politischen Konferenzen und Empfängen eingeladen worden und haben für Begeisterung gesorgt.

 

Als kleinen optischen und akustischen Eindruck möchte ich Ihnen neben Informationen zur Arbeit der LAG Folk einen Ausschnitt aus dem „Düppelkonzert“ des folkBALTICA-Ensembles beilegen, in dem deutsche und dänische Jugendliche gemeinsam musizieren. Die Aufnahme hat der Offene Kanal Flensburg beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Festivals folkBALTICA am 7. Mai im Konzertsaal des Alsion im dänischen Sønderborg gemacht. Unter der Leitung des dänischen Geigers und ersten Leiter des Volksmusikstudienganges an der Carl Nielsen Akademie in Odense, Harald Haugaard, erinnerte dieses Konzert an die blutige Schlacht zwischen Dänemark und Preussen vor 150 Jahren an den Düppeler Schanzen. Uraufgeführt wurde es am 18. April zur zentralen Gedenkfeier auf dem Düppeler Schanzen im Beisein u.a. der dänischen Königin und des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten.

 

 

Mit herzlichen Grüßen aus dem hohen Norden 

 

 

 

Jens-Peter Müller

(1. Vors. Landesarbeitsgemeinschaft